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Die zwölf Stunden

[10.23] Daß dieses zweite Gesicht mit der geistigen Gewecktheit gar keine Verwandtschaft hat, kann euch auch dieser Umstand hinreichend erweisend bezeugen, daß eines solchen zweiten Gesichts auch sogar die Thiere fähig sind, deren Individualität durchgehends nichts Geistiges in sich trägt, wohl aber eine Seele zur fernern Ausbildung. —

[10.24] Ihr werdet nun freilich fragen, welche Realität Dasjenige hat, was sich im zweiten Gesichte beschaulich darstellt? Allein es wird auch gar nicht schwer sein, diesen Knoten für euch zu lösen.

[10.25] Wenn ihr noch im tiefen Winter begraben seid, und euch von allen Seiten die starren Schnee- und Eisfelder schaurig anblicken, ja wenn ihr noch dazu in kalten Gemächern zu wohnen genöthiget wäret, saget, werdet ihr euch da nicht nach dem Frühlinge und nach dem Sommer ganz gewaltig zu sehnen anfangen? Und wird nicht die Phantasie euerer Seele sich vorzugsweise damit beschäftigen, und euch bildlich den Frühling und den Sommer vorführen?

[10.26] Sehet, dieses sehnsüchtige, gleichsam plastische Vorgefühl ist die erste Stufe des zweiten Gesichts, und hat seinen Grund in dem leisen ätherischen Ueberwehen dessen, das die Seele in ihrem gedrückten Zustande wohlthuend erwartet.

[10.27] Wenn nun Jemand sich mehr und mehr vertiefen würde, so möchte er wenigstens zur Nachtzeit nicht selten die Situationen des Frühlings und des Sommers gleich matten Traumbildern vor sich vorüberziehen sehen.

[10.28] Wenn aber irgend eine Seele noch mehr beengt wird durch leidende Verhältnisse, so geschieht mit ihr durch solchen Druck dasjenige Experiment, als wenn die Luft in einem zu hohen Grade gedrückt wird; sie entzündet sich, und tritt außer der leiblichen Sphäre hinaus.

[10.29] Es giebt aber in dem sichtbaren Raume eben so gut seelische Wirkungen und Bewegungen, wie's in dem weiten Lichtraume Wirkungen und Bewegungen des Lichtes giebt; nur mit dem Unterschiede, daß die Schwingungen des Lichtes sich auf dem natürlichen Wege nicht anders als geradlinig fortpflanzen können; wogegen die seelischen mehr ähnlich sind den Schwingungen des Schalles, und können sich nach allen erdenklichen Richtungen, wie auch in allen erdenklichen Krümmungen mit mehr denn elektrischer Schnelligkeit fortpflanzen.

[10.30] Jetzt denket euch irgend ein Factum welcher Art es auch immer sein mag, so hat es denn immerwährend drei Bedingungen zum Grunde: eine materielle, eine seelische und eine geistige.

[10.31] Was demnach die erste Bedingung betrifft, so kann das Factum von den leiblichen Augen erst dann erschauet werden, wenn es gerade eben geschieht, und zwar in einer solchen Entfernung, die von der leiblichen Sehkraft erreicht werden kann.

[10.32] Was die seelische Bedingung anbelangt, so werdet ihr es ohne viel Nachdenken leicht einsehen, daß ein Factum für's Erste in der Seele voran gehen muß, bevor es erst in die Körperwelt übergeht.

[10.33] Ist aber nun die Seele ihrer Decke enthoben, so kann sie ein solches Factum vermöge der schnellen seelischen Fortpflanzung oft schon eine bedeutende Zeit früher ersehen, als Solches erst zur materiellen Objectivität gelangt; oder sie kann auch ein verübtes Factum nachträglich erschauen, gleichwie ihr einen fernen Nachhall vernehmet.

[10.34] Zum größten Ueberflusse will Ich auch noch drei kleine Beispiele von dem menschlichen Schauen hinzufügen.

[10.35] Es sieht z. B. ein solcher mit dem zweiten Gesichte Begabter eine Leiche eines Unbekannten vorüber ziehen, wo der Bekannte noch ganz frisch und gesund ist und erst in einigen Monaten darauf stirbt, so geht das auf folgende leicht faßliche Weise vor, nämlich:

[10.36] Die Seele des zu Sterbenden ahnet die nahe Auflösung ihrer Hülle, besonders zu einer Zeit, wenn sie ebenfalls durch ein merkliches Heraustreten ihr zum Zusammenfallen reifes Haus reiner und richtiger beschauet.

[10.37] In diesem Zustande ordnet sie dann schon alle betreffenden Vorkehrungen und Ceremonien zum Uebergange; zu gleicher Zeit ist aber auch die Seele eines andern Menschen in solchem erhöhten Zustande, und sieht da das ganze Factum, was sich die Seele des Andern schon vorgeordnet hat, und zwar das Alles auf die euch nun schon bekannte seelische Fortpflanzungsweise. —

[10.38] Nun sehet, auf diese Weise werden von der Seele dergleichen Dinge vorgesehen, wie von dem körperlichen Auge diejenigen, die so eben geschehen. Als zweites Beispiel: Eine Seele sieht in irgend einer weiten Entfernung Etwas geschehen.

[10.39] Auch dieses Schauen geschieht auf dieselbe Weise; denn wo immer Etwas geschieht, da Menschen zugegen sind, entweder bloß als Zuschauer oder als glücklich oder unglücklich Mitbetheiligte, so ist dann ja auch nichts natürlicher, als daß ein solches Factum in das Seelenleben der Andern alsogleich aufgenommen wird, und pflanzt sich dann in der seelischen Sphäre gleich einem allerzartesten magnetischen Fluidum je nach der Größe und Art des Factums oft mehrere tausend Stunden fort,

[10.40] und wenn dann irgend ein Mensch in einem solchen erhöhten Seelenzustande sich befindet, so nimmt er solche Schwingungen alsogleich wahr, und bekommt das Bild durch die Varietät der Schwingungen auf dieselbe Art zu Gesichte, als irgend ein materielles Bild durch die Varietät der Schwingungen des Lichtes von dem Gegenstande, von dem sie ausgehen, zur körperlichen Anschauung durch das fleischige Auge gelangt. —

[10.41] Als ein drittes Beispiel ist dieses anzunehmen, wenn irgend ein Factum, bei welchem mehrere Menschen verunglücken werden, noch nicht erfolgt ist. Dieses Gesicht ist zwar etwas seltener, kommt aber dessen ungeachtet gleich den übrigen Fällen vor.

[10.42] Dieses Gesicht ist auf folgende Weise einzusehen: Wenn irgend eine Seele bei besondern Fällen in einen erhöhten Zustand gelangt, so wird auch der innewohnende Geist, freilich nur auf kurze Perioden, geweckt. In der geistigen Bedingung aber liegen alle Facta, sowohl die vergangenen als die zukünftigen, unvergänglich zu Grunde. Nun kann da das Schauen auf eine zweifache Art geschehen, nämlich der Betreffende erschaut es zuerst aus seinem Geiste.

[10.43] Dieses Erschaute geht natürlich in die Seele über; wie es aber in die Seele übergegangen ist, so pflanzt es sich auch schon nach den euch bekannten Gesetzen weiter, und so dann irgend ein Mensch im erhöhten Seelenzustande sich befindet, so erschaut er auch ein solches gewisserart prognostisches Factum nebst allen den Umständen, die sich da zutragen werden, und dieses Erschauen ist dann eben die zweite Art, ein solches Factum, welches erst geschehen wird, zu erschauen.

[10.44] Daß ein solcher Mensch auch Seelen verstorbener Menschen sehen kann, wenn diese sich wollen oder dürfen sehen lassen, braucht gar nicht mehr näher erwähnt zu werden.

[10.45] Nun seht, da habt ihr das ganze Wesen des zweiten Gesichtes, und könnet aus demselben zugleich ersehen, daß dazu gerade keine Geistesgewecktheit erfordert wird; denn das Schauen des Geistes ist auch ein ganz verschiedenes von dem der Seele. Wie sich aber das Schauen des Leibes zu dem Schauen der Seele verhält, so verhält sich auch das Schauen der Seele zum Schauen des Geistes.

[10.46] Wie aber das Schauen des leiblichen Auges kann verschärft werden durch materielle Mittel, dergleichen da sind: allerlei optische Werkzeuge, so kann auch das Schauen der Seele erhöht werden durch jene Mittel, welche natürlicherweise der Seele entsprechen.

[10.47] Diese Mittel sind natürlich ein starker ungeheuchelter Glaube, ein festes Wollen und eine dadurch wenigstens zur Hälfte geistige Gewecktheit; wie aber das seelische Schauen dadurch erhöht werden kann, ebenso kann auch die Sehe des Geistes bis in's Unendliche gestärkt werden, und zwar mittels derjenigen Mittel, die euch der große Seher durch Seine Lehre gelehrt hat, welcher große Seher eben Derjenige ist, der euch jetzt daran erinnert. —

[10.48] Ihr werdet euch denken, wo bleiben denn bei dieser Erklärung die von euch schon im Voraus erwarteten europäischen Staatsverhältnisse?

[10.49] Da sage Ich euch nichts, als das: So ihr die andern Gräulverhältnisse habt zur Genüge kennen gelernt, so möget ihr euch wohl begnügen, wenn's in euren Landen eben auch nicht gerade am besten zugeht, aber dessen ungeachtet die Verhältnisse noch so gestaltet sind, daß der Besserwollende eben kein Hinderniß findet, besser zu sein, besser zu handeln, und Gutes zu thun.

[10.50] Ein Paradies auf dieser Erde besteht nirgends mehr körperlich und geistig zugleich.

[10.51] Ein Jeder aber kann es im Geiste erreichen, wenn er es nur will; denn wenn es auch noch in irgend einem Lande Finsternisse giebt, so thut das nicht viel zur hindernden Sache, und wenn auch die Finsternisse der Nacht noch so arg sich über die Thäler und Berge gelagert haben, so werden sie doch nichts vermögen, wenn die Sonne einmal ihren Aufgang begonnen hat.

[10.52] Aber arg nur ist es in solchen Ländern, wo durchaus keine Freiheit gäng und gebe ist, wie in den unterirdischen Gewölben, Klüften und Gängen. Da mögen tausend Sonnen statt einer aufgehen, so wird ihr Licht dessenungeachtet nicht vermögen eher in solche verkrustete Tiefen zu dringen, als bis des Strahls höchster Brenngrad die Erde bis zum Mittelpunkte in den Aether umwandelt hat. —

[10.53] Und so werden wir auch für die noch übrigen zwei Stunden ganz andere Dinge finden, als ihr sie schon im Voraus erwartet habt, und am Ende werdet ihr selbst eingestehen müssen, daß Derjenige, der zuletzt lacht, am besten daran ist.

[10.54] Wenn ihr dann alle diese Stunden in einem ganz andern Lichte erblicken werdet, welches Ich durch eine kleine Vorrichtung in Meiner Camera bewirken werde, so werdet ihr erst einsehen, daß ich euch nicht einen Professor der Statistik habe machen wollen, sondern einen ganz andern, der weit über das Fach der Statistik hinauszublicken vermag.

[10.55] Was somit in der nächsten Stunde vorkommen wird, werdet ihr eben erst in der nächsten Stunde erfahren. Plaget euch nicht ab mit Rathen, machet auch keine Vergleichungen mit Meinen statistischen Angaben; denn alles Dieses werdet ihr dann als gänzlich fruchtlos anerkennen müssen.

[10.56] Wenn ihr aber schon Etwas denket, so denket, daß Mir an Europa, Asien, Afrika, Amerika, Australien und all' den angeführten Inseln und ihren sämmtlichen moralischen und politischen Verhältnissen so viel als gar nichts gelegen ist; sondern, dazu Ich deren Bilder soweit als nöthig ist, für euch, sage nur für euch, benützet habe; sehet, dieses werden euch noch die folgenden zwei Stunden treulich, wie in dieser das zweite Gesicht, und noch treulicher kund geben. Amen.

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