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Die drei Tage des zwölfjährigen Jesus im Tempel

Wer ist die ‚Jungfrau‘ und wer ihr ‚Sohn‘ (Jes. 7.14-16)? Die gute Antwort eines weisen Schriftgelehrten

[3.1] Als Ich auf diese Weise Sprachluft bekam, sagte Ich gleich zu den Ältesten und Schriftgelehrten, die Mir bedeuteten, dass Ich nun reden solle und fragen, um was ich wolle, und sie würden mir nun pflichtgemäß antworten. So begann Ich wieder mit der Vorfrage und sagte: „Eure noch so sicher scheinend gestellten Worte können das Meer nicht ruhen machen und den rauschenden Winden nicht das Stillschweigen gebieten! Nur ein Blinder merkt von den Zeichen dieser Zeit nichts, und als Stocktauber kann er auch nicht vernehmen den mächtigst dröhnenden Geschichtsdonner eben dieser allerdenkwürdigsten Zeit der ganzen Erde. Während schon Karmel und Sion vor dem angekommenen König der Ehren ihr Haupt geneigt haben und Horeb aus seinen hohen Zinken Milch und Honig fließen lässt, wisst ihr, die ihr am ehesten davon wissen und das harrende Volk davon benachrichtigen sollt, nicht eine Silbe!“

[3.2] Hier machten alle große Augen und sahen bald Mich und bald wieder sich untereinander an und wussten nicht, was sie Mir erwidern sollten.

[3.3] Nach einer Weile sagte einer: „Nun so rede du weiter von dem, was du davon wissest!“

[3.4] Sagte Ich: „Sicher weiß Ich, was Ich weiß; aber darum stellte Ich keine Frage an euch, um Mir das von euch erläutern zu lassen, was Ich ohnehin weiß, sondern nur, dass ihr es Mir zeigtet, wer des Propheten Jesajas schwangere Jungfrau sei, von der eben der Sohn des Allerhöchsten soll geboren werden! Warum wird sie Ihm den Namen ‚Emanuel‘ (Gott mit uns) geben? Warum wird Er Milch und Honig essen, um zu verwerfen das Böse und erwählen das Gute? Dieses müsst ihr als Schriftgelehrte denn doch verstehen, was der Prophet unter der schwanger gewordenen Jungfrau, die den bezeichneten Sohn gebären werde, verstanden hatte?

[3.5] Ich bin denn doch der Meinung, dass an jener bethlehemitischen Geburtsgeschichte etwas mehr daran sei, als ihr es meint, und dass jenes Elternpaar, der bekannte Zimmermann Joseph aus Nazareth und dessen später zum Weib angetraute Jungfrau, samt dem zu Bethlehem geborenen Sohn noch ganz gut leben; denn sie sind durch eine recht weise Vermittlung des damaligen römischen Hauptmannes Cornelius der späteren Grausamkeit des alten Herodes entronnen und lebten nun ganz wohlbehalten zu Nazareth in Galiläa.

[3.6] Solches weiß Ich als ein Knabe von zwölf Jahren, und euch, die ihr doch um alles wisst, sollte das unbekannt sein – zumal Joseph als einer der tüchtigsten Zimmermeister noch alle Jahre für Jerusalem was zu machen bekommen hat und ihr ihn gar wohl kennt, sowie dessen Weib, das eine Jerusalemerin ist und bis zu ihrem vierzehnten Jahr im Tempel erzogen wurde? Ist sie nicht eine Tochter der Anna und des Joachim, die nach euren chronischen Aufzeichnungen wunderbarerweise zur Welt kam? Anna war schon hohen Alters, und ohne ein Wunder wäre da an eine Befruchtung wohl nie zu gedenken gewesen!

[3.7] Nun, dieses Elternpaar samt dem neugeborenen Knaben verlebten bei drei Jahre lang, gleich nach der Flucht aus Bethlehem, wohl in Ägypten, und zwar in der Nähe des Städtchens Ostracine, nach altägyptischer Sprache Austrazhina, das so viel sagt als ,ein Schreckenswerk‘, also eine Feste, die allen Feinden zu den Zeiten der Pharaonen den Tod brachte. Später haben die mächtigeren Feinde des alten Ägypten diesen Schreckensort wie vieles andere erobert, und es ist zu unseren Zeiten dem einstigen Schreckensort und -werk nichts geblieben als der alte, verkümmerte Name, dem die Römer freilich eine andere Analyse [Deutung] gegeben haben als die alten Ägypter.

[3.8] Allein daran liegt nichts, sondern Ich führte dies Mir Bekannte nur darum an, um euch den dreijährigen Aufenthaltsort des in Rede stehenden Elternpaares näher zu bezeichnen. Von dort sollen sie nach einer geheimen höheren Weisung wieder nach Nazareth heimgewandert sein, allwo sie nun vollkommen gottergeben in möglichster Zurückgezogenheit leben, obschon man sich dort von dem Knaben, den sehr wohl zu kennen auch Ich die Ehre habe, eine Menge Wunderdinge erzählt. Denn es gehorchen Ihm die Elemente sogar, und die wildesten Tiere der Wälder und Wüsten fliehen vor Seinem Blick ärger denn vor tausend Jägern. Denn in dieser Hinsicht sei Er ein tausendfacher Nimrod! Und davon solltet ihr im Ernst nichts wissen? Sagt es Mir aber ganz aufrichtig und wahr, ob ihr denn wohl im Ernst von alledem nichts vernommen habt?!“

[3.9] Sagte ein anderer Ältester, der von einem etwas besseren Sinne beseelt war: „Ja, davon eben haben wir wohl schon etwas reden gehört, wie auch, dass der uns wohlbekannte Zimmermann mit seinem jungen Weib Maria sich in Nazareth für beständig aufhalte. Ob aber der Wunderknabe wohl derselbe ist, der vor zwölf Jahren zu Bethlehem in einem Stall geboren ward, dies wissen wir nicht und zweifeln auch sehr daran, dass dies derselbe ist! Und wie solle jener Knabe etwa gar der Emanuel des Propheten sein?“

[3.10] Sagte Ich: „Ganz gut, so Er es aber nicht ist, woher rührt dann die Macht, die Er über alle Elemente ausübt? Und wer ist des Propheten ‚Jungfrau‘ und wer der ‚Emanuel‘?“

[3.11] Sagte der Reiche aus Bethanien: „Hört, dieser Knabe hat ja einen Riesenverstand! Mir kommt es im Geiste vor, als ob er etwa gar ein junger Elias wäre, den jener Wunderknabe aus Nazareth vor Ihm her sendet, um uns alle auf den also da seienden Emanuel des Propheten vorzubereiten! Denn wann hat denn je aus uns einer erlebt, dass außer Samuel ein Knabe von zwölf Jahren so enorm weise geredet hätte?!

[3.12] Daher müsst ihr mit diesem Knaben schon eine bündigere und salbungsvollere Rede zu führen anfangen, sonst werden wir des Knaben nicht los! Den Propheten werdet ihr ihm schon müssen auf eine hellere Weise zu erläutern anfangen und auch prüfen, wie es denn mit der Jungfrau Maria, der wunderlichen [wundersamen] Tochter des Joachim und der Anna, steht, die am Ende alle ihre bedeutenden Güter dem Tempel vermachten, als sie starben, oder eigentlich nahm der Tempel dieselben als Lohn für die Erziehung der Tochter Maria mit Gewalt als ein herrenloses Besitztum in den eigentümlichen Beschlag.

[3.13] Was haltet ihr so ganz treu und wahr von jener Jungfrau? Wenn von einem Propheten etwas zu halten ist, so wäre die von ihm genau bezeichnete Zeit nun wohl da, und das Wundersame von der in der Rede stehenden Jungfrau kann nun nicht mehr geleugnet werden! So denn daran doch was wäre, da wäre es denn doch auch ganz verzweifelt frevelhaft von uns allen, so wir uns darum nicht tiefer und näher erkundigen würden!“

[3.14] Sagte der ärgerliche Älteste: „Das verstehst du nicht und redest, dem Knaben Vorschub leistend, davon wie ein vollkommen Blinder von der großen Pracht der schönen Farben!“

[3.15] Sagte Ich inzwischen: „Es ist aber das wirklich eine sonderbare Sache, dass ein Hungriger wähnt, dass da alles hungrig sei, was ihm nur unterkommt! Ein dummer Mensch hält stets die anderen Menschen für noch dümmer, als er selbst es ist. Für den Blinden ist jeder auch noch so scharf Sehende blind, und für den Tauben ist ein jeder andere Mensch taub!

[3.16] Glaubst du alter Zornkopf, dass außer dir kein Mensch irgend mehr was wissen kann? Oh, da irrst du dich sehr! Sieh, Ich bin nur ein Knabe und könnte dir Dinge, die vollkommen wahr und richtig sind, erzählen und kundtun, von denen deiner griesgrämigen Weisheit wohl noch nie was geträumt hatte!

[3.17] Warum soll Mein reicher Simon aus Bethanien, der Indien, Persien, Arabien, Ägypten, Spanien und Rom und Athen bereist hat, nicht auch etwas wissen, wovon dir noch nie etwas im Traum gekommen ist?! Wenn aber also, mit welchem Recht magst du ihn der Unwissenheit zeihen?! Ich aber sage es dir, dass er ganz recht urteilt, und ihr sollt darum das tun, das er um sein vieles Geld von euch verlangt!

[3.18] So jemand einen Knecht dingt für eine Arbeit, so muss der Knecht das tun, wofür ihn der Herr gedungen hat. Will der Knecht das nicht, oder kann er es nicht, so wird des Knechtes Herr etwa wohl das Recht haben, den bedungenen Lohn von dem faulen oder ungeschickten Knecht zurückzuverlangen. Ihr habt euch gut zahlen lassen – und wollt nun aber dafür nichts tun, oder könnt es nicht! Hat Simon nun nicht das Recht, seinen euch gegebenen Lohn von euch zurückzufordern?“

[3.19] Sagte ein anwesender römischer, alles Rechtes kundiger Kommissar und Richter: „Da seht einmal den Knaben an! Der ist ja ein vollendeter Jurist und könnte sogleich ein Richter in allen streitigen Sachen sein! Seine Rechtsaussage ist vollkommen in unseren Rechten begründet, und so Simon aus Bethania das von mir verlangt, muss ich ihm offenbar das Exequatur geben!“

[3.20] Darauf trat er zu Mir hin, koste und herzte Mich und sagte zu Mir: „Höre du, mein holdester, reichlockiger Knabe, ich bin ganz verliebt in dich! Für dich möchte ich sorgen mit allen meinen Gütern und dich zu was Großem erziehen!“

[3.21] Sagte Ich: „Dass du Mich lieb hast, weiß Ich recht wohl – denn in dir schlägt ein treues, gutes Herz. Du kannst aber auch versichert sein, dass auch Ich dich sehr liebe! Aber für Mein Fortkommen brauchst du dich nicht zu sorgen, denn da ist schon Einer, der sich darum kümmert!“

[3.22] Es trat aber nun auch Simon von Bethanien zu Mir und fragte Mich ganz erstaunt: „Sage mir, du mein schönster, liebster und holdester Knabe, woher du es erfahren hast, wie ich heiße, und wo ich schon überall gewesen bin?“

[3.23] Sagte Ich: „Oh, es wundere dich dessen ja nicht, denn so Ich irgendwas wissen will, so liegt das schon so in Meiner Natur, dass Ich es weiß! Das Wie würdest du jetzt wohl noch nicht fassen! Aber nun wieder zur Sache und zu unserer Jungfrau! Wollt ihr Priester und Schriftgelehrten dies näher beleuchten oder nicht?“

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