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Die drei Tage im Tempel

4. Kapitel – Des Jesusknaben nochmaliges Verlangen, seine Vorfrage über Jes.9,5-6 beantwortet zu wissen.

[4.1] Sagte Ich: „O ja, das, was du nun ganz gut dargestellt hast, habe Ich schon lange gewußt, und du hättest dir füglichermaßen die ernste Mühe ersparen können, Mir solches kundzutun. Ich bleibe nun einmal dabei stehen und lasse die Jungfrau Maria nicht aus den Augen!

[4.2] Warum sagte denn der Prophet (Jes.9,5-6): ,Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, dessen Herrschaft auf seinen Schultern ist, und Er heißt: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhle Davids und in seinem Königreiche, daß Er es zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit! – Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.‘

[4.3] Was ist das für ein Kind, und was ist das für ein Sohn, der uns gegeben ist? Sollte das nicht etwa doch jener zu Bethlehem in einem Stalle geborene Knabe sein? Denn es heißt auch: ,Zu Bethlehem in einem Stalle wird den Juden ein König geboren werden; der wird ein neues Reich gründen, dessen ewig kein Ende sein wird!‘ – Wie verstehst du Kabbalist dies alles?“

[4.4] Wirrsam sahen alle einander an und sagten: „Aber von wo hat denn der Knabe sich die Schrift so zu eigen gemacht? Es bestehen im ganzen nur höchst wenige Abschriften und vollkommene nur kaum zehn, und von diesen wissen wir, wo sie sind, und es kommt kein Laie in ihre Nähe. Die Samariter besitzen zwar wohl noch eine elfte, die aber falsch ist und eine Menge Zusätze enthält, die reine morgenländische Dichtung sind.“

[4.5] Hierauf fragte Mich ein Scharfbissiger: „Nun sage du dieses mir, was ich dich fragen werde: Von woher und seit wann hast du dir die so vollendete Kenntnis der Schrift und namentlich der Propheten zu eigen gemacht?“

[4.6] Sagte Ich: „Darüber Mich zu befragen, hast du ebensowenig ein Recht, als Ich dich zu fragen, woher es komme, daß du als Priester dir die Schrift noch gar nicht zu eigen gemacht hast – weder im Worte und noch um vieles weniger in der Tat! Gib mir Antwort auf das, was Ich frage, und wofür dir gezahlt worden ist! Um alles andere hast du dich wenig oder gar nicht zu kümmern, denn dich hat es nichts gekostet, weder eine Mühe noch eine Zeit, noch eine allergeringste Sorge oder irgend ein anderes Opfer.

[4.7] Übrigens gereicht es euerm Lehramte durchaus zu keiner besonderen Ehre hier in Jerusalem, wenn euch die sichtliche Bildung eines Knaben aus Galiläa eine so große Bewunderung abnötigt, denn dadurch zeigt ihr ja an, daß eure Knaben hier in der Bildung kaum ein wenig über dem Tierreich stehen!“

[4.8] Auf diese Meine ein wenig stark aufgetragene Bemerkung fängt der römische Kommissar laut zu lachen an, auch Simon kann sich des Lachens nicht völlig erwehren. Der scharfbissige Bemerker aber tritt ab und läßt sich im Hintergrund ganz verdrießlich nieder auf eine Bank.

[4.9] Darauf sagte ein Oberster der Synagoge von Bethlehem, der da auch im Tempel bei der Knabenprüfung zugegen war: „Ich sehe schon, daß ich da werde Rat zu schaffen anfangen müssen, sonst werden wir mit diesem Knaben nicht fertig! Er hat nun ein erkauftes Recht, uns eine Woche lang zu fragen; wir müssen ihm zur Rede stehen, ob wir wollen oder nicht! Macht er uns schon mit seiner Vorfrage soviel zu schaffen, so dürfen wir uns erst auf seine Nach- und Hauptfragen gefaßt machen!

[4.10] Verstand hat er genug und natürlichen Witz auch in Menge, und wir werden mit ihm nicht aufkommen, so wir nicht das wollen, was er will. Er will einmal einen wahren Sachverhalt über die eben vor zwölf Jahren erfolgte Geburt eines Knäbleins in einem Schafstalle bei Bethlehem haben, und diese kann ich ihm verschaffen, weil ich damals schon, so wie noch heutzutage, der Oberste der dortigen Synagoge war!“

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